White Noise

„White Noise - vermittelt rechten Terror und Gewalt
Die Musik zur Hetze im Hintergrund erschallt…“

tut das not - „white noise“ (Bildfänger)

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Musik berührt, Musik bewegt und Musik ist instrumentalisierbar – nicht erst seit heute. Vom mittelalterlichen Schmähgesang gegen fremde Herrscher über die musikalische Begleitung von Staatsakten, die Marschmusik beim Armeedefilee, dem Horst-Wessel-Lied in der Hitlerjugend bis hin zu den hasserfüllten Klängen zeitgenössischer Rechts-Rock-Bands zeigt sich immer wieder: Mit Musik lassen sich über den Lauschgenuss hinaus auch politische Inhalte vermitteln. Und obschon gerade Rockmusik lange Jahre mit (linker) Rebellion und gesellschaftskritischem Aufbegehren in Verbindung gebracht wurde, liess sich dieser Musikstil auch mit rassistischen und antisemitischen Liedtexten unterlegen und umkodieren. Und dies war erst der Anfang.

Ein traurige Erfolgsstory
Bereits in den 1980er-Jahren begannen rechtsradikal gesinnte Musiker (und äusserst selten Musikerinnen) mit Street-Punk zu experimentieren. Eine wichtige Vorreiterrolle spielte dabei die Band „Skrewdriver“ aus Grossbritannien. Ian Stewart Donaldson, der Leadsänger von „Skrewdriver“, war Mitbegründer der rechtsextremen Organisation „Blood and Honour“ und beteiligte sich am Aufbau der Terrorgruppe „Combat 18”. Sein Tod im Jahre 1993 – er starb bei einem Autounfall – verschaffte der Rechts-Rock-Szene einen vielgefeierten „Märtyrer“. An seinem Todestag finden auch heute noch weltweit Gedenkkonzerte statt. Beispielsweise 2005 in Brig, als eine Kamera des Schweizer Fernsehens die hässlichen Details einer solchen „Feier“ ans Tageslicht brachte.
Nach der Wende 1989 war die extreme Rechte in Deutschland im Aufschwung. Neben brennenden Unterkünften für Asylsuchende und rassistisch motivierten Morden war dies auch die Zeit der Neugründung von etlichen radikalen Rechts-Rock-Bands. Ihre Namen sprechen für sich: „Kraftschlag“, „Störkraft“, „Noie Werte“ und „Kruppstahl“ übertrumpften sich gegenseitig mit rassistischer Hetze in Liedform. Dieser Boom war zukunftsweisend. Die Entwicklung des Rechts-Rock in den letzten fünfzehn Jahren ist eine „Erfolgsstory“ in zweierlei Beziehung. Einerseits ist Rechts-Rock an allen Enden am Wachsen: mehr Bands, mehr Konzerte, mehr Musikvertriebe und höhere CD-Verkaufszahlen. Andererseits stiess der Rechts-Rock in die verschiedensten Musikgenres vor. Die Vielfalt der Stile reicht von Schlager über Black Metal und Industrial bis hin zum nationalen Hip-Hop.

Rechts-Rock – ein Musikstil?
Rechts-Rock kann also in vielerlei Gestalt daherkommen, die Kernelemente bleiben jedoch immer dieselben: Rechts-Rock bezeichnet Musik, die nationalistische und rassistische Inhalte vermittelt. Zudem wird mit Rechts-Rock gegen Homosexuelle, Drogenabhängige und politische Gegner gehetzt und für sexistische Geschlechterrollen geworben. Nicht selten findet gleichzeitig eine Verherrlichung des Nationalsozialismus statt. Rechts-Rock – auch „Message-Rock“ genannt – bezeichnet heute keinen einheitlichen Musikstil mehr, sondern jede Musik, die auf diese verbrecherischen Ansichten setzt und sie in Töne verpackt. Wer in Liedern das Dritte Reich besingt und Textzeilen wie „Schmeisst die Kanaken aus unserem Land / denn sonst stellen wir sie an die Wand“ (Doitsche Säuferfront 1989) ins Mikrofon grölt, der bezweckt mit seiner Musik mehr als nur Publikumsunterhaltung. Solche Musik ist politisch motiviert, wie die Band „Foierstoss“ in ihrem „Rebellenlied“ gleich selbst formuliert: „Wir sind Rebellen mit der Gitarre in der Hand / Unsere Waffe ist der Gesang“. „Rechts-Rock“hat in der heutigen extremen Rechten einen zentralen Stellenwert, seine Rolle ist äusserst vielschichtig. Mit Musik lässt sich rechte Ideologie nicht nur inhaltlich, sondern auch emotional vermitteln. Gerade junge Menschen finden im Alltag zwischen rechtem Lifestyle, Kameradschaftsabenden, Rechts-Rock und – häufig mit Gewalt verbundenem – politischem Aktionismus Identität und Bestätigung. Konzerte sind dabei die Erlebniswelt Nummer eins, aber auch Treffpunkt für den Informationsaustausch und die Netzwerkbildung innerhalb der Szene. Und last but not least ist Rechts-Rock ein gewinnbringender Geschäftsbereich geworden. Vor allem der Vertrieb von CDs und Merchandise-Produkten wirft viel Geld ab, das je nachdem in die Taschen von Einzelpersonen oder die politischen Kampf-Kassen rechtsextremer Netzwerke fliesst.

Konzertparadies Schweiz
Als Konzertland erreichte die Schweiz für die extreme Rechte in Mitteleuropa zeitweise annähernd den Status eines Wallfahrtsortes. In den letzten zehn Jahren fanden über sechzig – öffentlich bekannte – Rechts-Rock-Konzerte mit bis zu 1500 BesucherInnen pro Anlass statt. Die Dunkelziffer dürfte bedeutend höher liegen. Beliebt war die Schweiz vor allem wegen den vergleichsweise unkomplizierten Rahmenbedingungen für KonzertorganisatorInnen und der nur zögerlich intervenierenden Schweizer Polizei. „Selbstproduzierter“ Rechts-Rock hingegen war hierzulande bisher ein Randphänomen. Seit dem Rechts-Rock-Boom anfangs der 1990er-Jahre wurden gerade ein Dutzend Bands gegründet, die mehrheitlich wieder in der Versenkung verschwanden. Die vor fünf Jahren gegründete Band „Dissens“ stellt mit ihrer Kontinuität deshalb eine Ausnahme dar. Ihre Liedtexte und politischen Aussagen sind hingegen repräsentativ für die Schweizer Rechts-Rock-Szene.

„Dissens“ – der Name ist Programm
Die Luzerner Hammerskinband „Dissens“ versteht sich als politische Alternative zum „Mainstream“. Ihre Haltung hebe sich von der allgemeinen ab, und es bestehe eine „Meinungsverschiedenheit“ in Bezug auf gewisse Themen – kurz ein „Dissens“. Ihre politische Haltung ist jedoch alles andere als eine harmlose „Meinungsverschiedenheit“. Um welche Themengebiete es sich dabei konkret handelt, wird anhand der Liedtexte schnell deutlich. Diese befassen sich mit Themen wie Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und/oder einer paranoiden Gesellschafts- respektive „Systemkritik“. Auf der CD „Unser Schwur einst zu Waffe wird“, werden all diese Themen angesprochen. Nationalistische Einstellungen finden sich einerseits in der Formulierung von Wir-Gruppen, was in Redewendungen wie „Unser Schwur“ oder „Ein einzig Volk von Brüdern“ zum Ausdruck kommt, andererseits explizit in Aussagen wie „2000 Jahre im Kampf für Freiheit/ 1291 das Land geeint/ Invasoren tapfer bekämpft“, womit ein völlig verfälschtes und glorifiziertes Geschichtsbild der Schweiz vermittelt wird.
Die fremdenfeindliche Einstellung zeigt sich unter anderem daran, dass vor einer drohenden multikulturellen Gesellschaft gewarnt wird, die von „gewissen Kräften herbeigeführt werde“:
„Multikultur heraufbeschworen“. Und weiter «im Takt: „Lasst uns schliessen einen neuen Pakt/ Die Zukunft unserer Rasse ist Grund genug/ Ignorieren wir nicht den Genozid unserer Art/ Erwehret euch der Invasion“.
Weiter fühlen sich die Mitglieder der Band offensichtlich vom „System“ verfolgt und unterdrückt, was im Kehrreim des Liedes „Was ist falsch daran“ in kompakter Form zum Ausdruck kommt: „Was ist falsch daran sein Land zu lieben/ Was ist falsch daran seine Helden zu ehren/ Was ist falsch daran für seine Meinung einzustehen/ Was ist falsch daran seinen Weg zu gehen“. Das wiederholte Klagen über die Unterdrückung ihrer „Meinung“ macht zudem deutlich, dass es den Verfassern der Liedtexte sehr wohl bewusst war, dass sie damit mit dem Gesetz in Konflikt geraten könnten. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Statements in ihrer Schärfe und Direktheit wohl den gesetzlichen Bestimmung angepasst wurden und somit die eigentliche Botschaft nur in abgeschwächter Form transportiert wird. Diese Vorgehensweise ist bei vielen rechtsextremen Bands anzutreffen, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass „Dissens“ hier keine Ausnahme darstellen.
Die Band bleibt jedoch nicht bei der Kritik des Ist-Zustandes. Sie glaubt auch, die Lösung für die angesprochenen Probleme zu kennen. „In naher Zukunft schliesst sich die Jugend zusammen zu einem riesigen Heer. Die Unterdrückung der vergangenen Jahre fällt auf euch zurück. Der Druck der Masse wird unaufhaltsam und bringt das System zu Fall“.
„Dissens“ hat bisher zwei CDs veröffentlicht. Neben der bereits angesprochen CD „Unser Schwur einst zu Waffe wird“, haben sie 2001 eine selbst produzierte Demo-CD mit dem Titel „Nacht für Nacht” herausgebracht. Aufgetreten ist die Band unter anderem am „Hammerfest“, das am 10. August 2002 auf einer Zürcher Waldlichtung über die Bühne ging. „Die meisten Konzerte, auf denen wir gespielt haben, waren eigentlich immer recht gut besucht. Das grösste war bis jetzt das Hammerfest‚02 in der Schweiz, wo ungefähr 1300 Besucher waren. Es waren dort aber auch wirklich ein paar Topbands“, womit auch klar ist, dass »Dissens« mit ihrer auch musikalisch doch recht mässigen Qualität nicht zu den Zuschauermagneten gezählt haben dürften. (Rock Nord, Nr. 106/107). Der letzte uns bekannte Auftritt von „Dissens“ fand am 30. Juli 2005 zusammen mit mit der Band „Indiziert“ statt. Ein Konzertbesucher zieht folgendes Fazit: „Begonnen hat Indiziert, der Auftritt war einfach nur Hammer! Nach Indiziert kam Dissens, musikalisch einfach, nur aber der Sänger hat nicht alle Texte richtig gekonnt Die fahrt hat sich gelohnt!“ (Fehler im Original).
Was bei etwas genauerer Betrachtung von „Dissens“ übrig bleibt, ist, dass sie es leider trotz schlechter Qualität, sowohl textlich wie auch musikalisch, wohl doch schaffen die KonzertbesucherInnen und die HörerInnen ihrer CDs derart zu beeinflussen, dass Teile der transportierten Ideologie in deren Bewusstsein hängen bleiben. Somit dürfen „Dissens“, wie auch alle anderen Rechts-Rock-Bands, keinesfalls verharmlost werden. Musik ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil der rechtsextremen Lebenswelt, weshalb auch diesem Teil der Szene mit Nachdruck entgegengewirkt werden muss.

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Bildnachweis:

Auf dem Plakat und im Heft haben wir CD-Covers abgebildet, wollen diese aber nicht ins Netz stellen...