In Deutschland gab es wenig bis keinen wirksamen Widerstand gegen den Hitlerstaat. Zum einen war es schwierig unter dem Terror der Diktatur Widerstand zu
leisten, zum anderen fehlte es schlicht am Willen. Zwei verschiedene Formen von Jugendwiderstand im Dritten Reich seien im Folgenden betrachtet: Die „EdelweisspiratInnen“ und die Swing-Jugend.
Sobald Hitler die Macht fest in den Händen hatte, begann die Phase der Gleichschaltung. Im Zuge der Gleichschaltung wurden sämtliche Jugendgruppen verboten oder in die Hitlerjugend (HJ) so wie den Bund deutscher Mädel (BDM) integriert.
Die Hitlerjugend und der Bund deutscher Mädel waren obligatorische Jugendorganisationen, die es zum Ziel hatten, die Jugendlichen auf die Nazi-Ideologie einzuschwören und anzupassen – die Mädchen wurden zur Mutterschaft erzogen, die Jungen zum Soldatentum. Die meisten Jugendlichen liessen sich mehr oder weniger begeistert in diese Zwangsstrukturen einbinden.
EdelweisspiratInnen
Jugendwiderstand bildete sich bei der ArbeiterInnenjugend in Form von illegalen Banden, die sich unter dem Oberbegriff „EdelweisspiratInnen“ zusammenfassen lassen, obwohl
sich nicht jede dieser Banden als EdelweisspiratInnen bezeichnete. Auslöser dieses Widerstandes waren weniger ideologische Überzeugungen als die Unlust sich in die HJ einbinden zu lassen. Da die HJ ein Zwangsverband war, begaben sich die Jugendlichen, die den HJ-Dienst verweigerten, automatisch in die Illegalität und waren so der Nazirepression ausgesetzt. Mit zunehmender Repression radikalisierte sich auch der Widerstand der EdelweisspiratInnen.
Die Haltung der EdelweisspiratInnen zum Nationalsozialismus kam vor allem in ihren Aktionen zum Ausdruck. So kam es zu heftigen Schlägereien und Messerstechereien zwischen PiratInnen und HJ-Trupps, zu Wandmalereien und Flugblattaktionen, sowie Sabotagen an kriegswichtiger Infrastruktur. Ihre Lieder, die sie auf ihren illegalen Wanderungen sangen, sind zum Teil erhalten geblieben:
…
Es steht an der Grenze die Edelweissschar,
die Kämpfer für Freiheit gegen Nazigefahr,
das Edelweiss, es wehe,
es weht bei Tag und Nacht,
Der Kampfruf erschalle,
Edelweiss bahnt sich Macht.
…
An Rhein und Ruhr marschieren wir,
für unsere Freiheit kämpfen wir,
den Streifendienst, schlagt ihn entzwei,
Edelweiss marschiert,
Achtung, die Straße frei.
Viele EdelweisspiratInnen wurden in Arbeits- oder Konzentrationslager gesteckt, wer der Nazirepression entfliehen konnte, schloss sich nicht selten anderen, bewaffneten Widerstandsgruppen an.
Die EdelweisspiratInnen wurden erst im Sommer 2005 als Widerstandsgruppe anerkannt. Die Behörden waren lange Zeit nicht bereit den PiratInnen den Status als WiderstandskämpferInnen zuzugestehen und stellten sie als Jugendkriminelle dar. Diese Haltung erklärt sich folgendermassen: In der ersten Nachkriegszeit setzte in Deutschland eine Art kollektiver Verdrängungsprozess ein. Sowohl im Westen wie auch im Osten wurde eine neue, ideale Gesellschaft propagiert und niemand hatte ein Interesse, die unangepassten und widerspenstigen EdelweisspiratInnen in ein gutes Licht zu rücken – die Kritik an der Konsumgesellschaft resp. an der DDR-Diktatur sollte erst etwa zwanzig Jahre später mit der 68er - Revolte aufbrechen.
Swingjugend
Während die EdelweisspiratInnen fast ausschliesslich dem ArbeiterInnenmilieu entsprangen, drückte sich der Widerstand der bürgerlichen Jugendlichen in der Swingbewegung aus.
Swing ist eine musikalische Stilrichtung, die sich aus dem Jazz entwickelt hat. Schon nur wegen der amerikanischen Musik zogen die Swing-Kids die Aufmerksamkeit der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) auf sich. Ähnlich wie die EdelweisspiratInnen wollten sich die Swing-Kids nicht in die HJ einbinden lassen. Trotz der Repression organisierten sie illegale Tanzveranstaltungen. Sie trugen provokativ amerikanische und englische Modekleider, die sie sich nicht selten mit Diebstählen finanzierten. Sie hatten verhältnismässig langes Haar und brachten durch ihr cooles Auftreten eine Haltung an den Tag, die den militaristischen Vorstellungen der Nazis widersprachen. Im Gegensatz zur HJ bestanden die Cliquen sowohl aus Mädchen wie aus Jungs.
Aus dem Bericht des Reichsjustizministeriums über „jugendliche Cliquen und Banden” von Anfang 1944:
„(...)Nach aussen hin treten die Mitglieder in an die englische Mode angelehnten Kleidern in Erscheinung. So tragen sie vielfach geschlitzte Jacken in schottischen Mustern und führen den Regenschirm mit sich. Als Abzeichen haben sie einen farbigen Frackhemdknopf im Rockaufschlag. Der Engländer wird von ihnen als höchste Entwicklungsstufe betrachtet. Der falsch verstandene Begriff der Freiheit führt sie in Opposition zur HJ.(...)Diese Cliquen haben sich, zum Teil als Folgeerscheinung der Evakuierungsmaßnahmen, auch auf andere Gebiete übertragen. So gab es z.B. in Frankfurt a.M. den Harlem-Klub, bei dem Hausbälle übelster Art an der Tagesordnung waren. Wechselnder Geschlechtsverkehr wurde auch von den jüngsten weiblichen Mitgliedern hingenommen. Alkoholische Ekzesse (!) gaben diesen Festen, bei denen ′geswingt′ und ′gehottet′ wurde, das Gepräge.”
Mehr noch als an der Musik und an der Mode nahmen die Nazis am Tanz Anstoss – die Vorstellung, dass Körperlichkeit etwas Lustvolles sei und der Körper nicht dazu da ist, im Krieg verstümmelt und zerschossen zu werden, war der militaristischen Propaganda der Nazis ein Dorn im Auge:
In einem Protokoll des HJ-Streifendienstes vom 8.2.1940 wird ein Tanzabend der „Hamburger Swing-Jugend” folgendermaßen geschildert:
„Der Anblick der etwa 300 tanzenden Personen war verheerend. Kein Paar tanzte so, dass man das Tanzen noch als einigermassen normal bezeichnen konnte. Es wurde in übelster und vollendetster Form geswingt. Teilweise tanzten zwei Jünglinge mit einem Mädel, teilweise bildeten mehrere Paare einen Kreis, wobei man sich einhakte und in dieser Weise dann weiter gehüpft wurde. Viele Paare hüpften so, indem sie sich an den Händen anfassten und dann in gebückter Stellung, den Oberkörper schlaff nach unten hängend, die langen Haare wild im Gesicht, halb in den Knien mit den Beinen herumschleuderten. Bei manchen konnte man ernsthaft an deren Geisteszustand zweifeln, derartige Szenen spielten sich auf der Swingfläche ab. In Hysterie geratene Neger bei Kriegstänzen sind mit dem zu vergleichen, was sich dort abspielte (....). Alles sprang wild umher und lallte den englischen Refrain mit. Die Kapelle spielt immer wildere Sachen. Kein Mitglied der Kapelle sass mehr, sondern jeder ‚hottete‘ wie wild auf dem Podium herum. Häufig sah man, dass Jungens zusammen tanzten, durchwegs mit zwei Zigaretten im Mund, in jedem Mundwinkel eine.”
Swing-Girls und Swing-Boys wurden ebenfalls in Jugendkonzentrationslager gesteckt oder frühzeitig in die Wehrmacht rekrutiert. Ähnlich wie die EdelweisspiratInnen zirkulierten auch unter den Swings Spottlieder und Flugblätter gegen die Nazis:
Spottlied, das nach der Melodie „Hofkonzert im Hinterhaus”(im Original das amerikanische Jazzstück „Organ Grinder‘s Swing”) gesungen wurde:
„Kurze Haare, grosse Ohren,
So war die HJ geboren!
Lange Haare, Tangoschritt -
Da kommt die HJ nicht mit! Oho,oho!
Und man hört‘s an jeder Eck‘ -
Die HJ muss wieder weg!”
Und zu „Joseph, Joseph” gesungen:
„Wir sind nicht Juden, sind nicht Plutokraten,
doch die Nazis müssen trotzdem weg.
Aus uns da macht man keine Soldaten,
denn unsere Hymne ist der Tiger Rag.”
Viele der überlebenden Swing-Kids schlossen sich später ebenfalls dem Widerstand an. Die Swing-Jugend wurde bis heute noch nicht als Widerstandsbewegung anerkannt. Auch ihnen wird vorgeworfen keinen bewussten, politischen Widerstand geleistet zu haben. In Anbetracht der Tatsache, dass die Nazidiktatur die gesamte Gesellschaft auf allen Ebenen gleichgeschaltet hatte, müsste eigentlich jede Form von Nicht-Anpassung als Widerstand anerkannt werden. Gerade die Anpassung war einer der wichtigsten Pfeiler der Nazidiktatur. Aber welches politische System kann es sich schon leisten Eigensinnigkeit und Ungehorsam positiv darzustellen, ohne befürchten zu müssen, dass sich diese Tugenden plötzlich gegen dieses System wenden könnten.
Plakatmenü
Bildnachweis:
HJ Plakat (http://www.shoahproject.org/widerstand/kids/s69a.jpg)
Edelweisspiraten (http://www.palladiofilm.de/palladio/download/Edelweisspiraten.jpg)
Brief (Detlev J. Peukert: Die Edelweißpirate, Protestbewegung jugendlicher Arbeiter im "Dritten Reich"; eine Dokumentation. Bund-Verlag, Köln 1988.)
Quellen:
Peukert, Detlev J.: Die Edelweißpiraten, Protestbewegung jugendlicher Arbeiter im »Dritten Reich«, eine Dokumentation, Bund-Verlag, Köln 1988.
Klöne, Arno: Jugend im Dritten Reich, Die Hitler-Jugend und ihre Gegner, Papyrossa Verlags, ISBN: 3-89438-261-9, 2003.