Die Schweizer Fronten (1925 – 1943)

Die Geschichte der Schweizer Frontenbewegung (1923-1943) -
eine Übersicht von 1923 bis nach 1945

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Anfangs der 1930er Jahre bildeten sich in der Schweiz, im Rahmen des so genannten Frontenfrühlings, zahlreiche Gruppen, deren politisches Spektrum von konservativ bis zu offen faschistisch reichte. Dieser Text hat zum Ziel einen Überblick über die Entstehung und Ziele dieser Gruppen, Fronten genannt, zu geben.

Gründe für den Frontenfrühling
Der Erste Weltkrieg und der anschliessende Landesstreik von 1918 hatten in der Schweiz zu einer Spaltung der Bevölkerung in Anhänger des Bürgertums und der Sozialisten geführt, zwei Blöcke, die einander misstrauten und blockierten. Diese Spaltung der Schweiz in zwei Lager hatte einen grossen Einfluss auf die junge Generation der Zwischenkriegszeit, die genug von diesem Zustand hatte und nach einem Ausweg suchte. Neben der Kritik am politischen System wurde auch die Entwicklung der Wirtschaft, wo jeder nur noch auf seinen Vorteil zu achten schien, mit Sorge beobachtet.
Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 und ihren Folgen, wie dem Zusammenbruch der Exportindustrie, der Landwirtschaft, des Fremdenverkehrs und damit verbunden einem starken Ansteigen der Arbeitslosigkeit, verstärkte sich das Gefühl, dass die Demokratie dieser Krisensituation nicht gewachsen sei. Das Vertrauen in die freisinnig geprägte Staatsführung und die liberale Wirtschaftsordnung sank auf einen Tiefpunkt. Mit Interesse wurden deshalb die Entwicklungen in den Nachbarstaaten, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten, verfolgt. In all diesen Staaten waren antidemokratische Bewegungen im Entstehen oder, wie in Italien mit der faschistischen Regierung Mussolinis, bereits an der Macht. Auch in der Schweiz wurde der Ruf nach einer Umgestaltung der politischen Ordnung laut.

Ziele der Fronten
Die Hauptforderungen der politisch breit gefächerten Erneuerungsbewegung waren die Stärkung der Regierungsautorität, die Betonung des Nationalen, die Stärkung des Föderalismus und die Einführung einer korporativen Wirtschaftsordnung. Die Forderung nach einer starken Regierung richtete sich in erster Linie gegen das Parlament, welchem man die Lösung der anstehenden Sozial- und Wirtschaftsprobleme nicht zutraute. Den Parlamentariern wurde vorgeworfen, vor allem ihre eigenen Interessen zu vertreten und nicht die des Volkes. Die Betonung des nationalen Bewusstseins war eine Reaktion auf die kosmopolitisch-pazifistische Strömung der frühen 1920er. Sie richtete sich zum einen gegen den international orientierten Sozialismus, zum anderen gegen die internationalen Verflechtungen der Wirtschaft, die als Bedrohung des Mittelstands gesehen wurden. Ein rassischer oder sprachlich begründeter Nationalismus, wie er in Deutschland oder Italien vorherrschte, war aufgrund der Mehrsprachigkeit der Schweiz schwierig zu vertreten, obwohl in der Deutschschweiz weit verbreitete Sympathien für Deutschland vorhanden waren, die sich zum Teil auch auf den Nationalsozialismus bezogen. Ein weiterer grosser Unterschied zu den nationalistischen Tendenzen im Ausland war die Betonung der kantonalen Eigenständigkeit als zentrales Element des Schweizer Staates, wobei auch hier die Meinungen nicht einstimmig waren, da der föderalistische Staatsaufbau in Widerspruch zum geforderten neuen Wirtschaftssystem stand. Dieses System der korporativen Wirtschaftsordnung war eine Kopie des faschistischen Wirtschaftsmodells. Die Grundidee des Modells war, dass die einzelnen Berufe und Branchen in Korporationen organisiert wurden, die sich dann um alles kümmern sollten, was in ihren Bereich fiel. Auf diese Weise würde der Klassenkampf vermieden, weil sowohl ArbeitnehmerInnen als auch ArbeitgeberInnen in den Korporationen wären und dort ihre Probleme lösen könnten, anstatt sie auf andere Weise auszutragen.

Die Fronten
Die Blütezeit dieser rechts-konservativen Erneuerungsbewegung war 1933 der so genannte „Frontenfrühling“, als die Gruppierungen in der Öffentlichkeit verstärkt wahrgenommen wurden. In den Jahren danach traten sie auch bei Wahlen an, wobei die Fronten in der Deutschschweiz die grösseren Erfolge verbuchen konnten als in der restlichen Schweiz. Durch ihren Antimarxismus konnten die Fronten zu Beginn ihres Auftretens auch auf Sympathien aus dem bürgerlichen Lager zählen.

Deutschschweiz
Die bekannteste der Fronten und mit einem Nationalratssitz auch die erfolgreichste war die Nationale Front. Sie entstand im April 1933 aus dem Zusammenschluss der Neuen Front und der Nationalen Front. Beide Gruppen entstanden 1930 an der Universität Zürich, hatten aber einen unterschiedlichen sozialen Hintergrund. Die Mitglieder der im Frühjahr gegründeten Neuen Front stammten aus freisinnigen Akademikerkreisen, während die Mitglieder der im Herbst entstandenen Nationalen Front zum grössten Teil aus dem Kleinbürgertum stammten. Die Neue Front verstand sich in ihren Anfängen mehr als eine Kaderorganisation, die vor allem unter den gebildeten Schichten Anhänger gewinnen wollte, während die Nationale Front mit ihrer Zeitung „Der Eiserne Besen“ die Massen mobilisieren wollte. Zudem war bei der Nationalen Front durch den offenen Antisemitismus der Einfluss des Nationalsozialismus bereits offensichtlicher vorhanden als bei der Neuen Front, die ihre Ausländerfeindlichkeit etwas versteckte. Trotz dieser Unterschiede kam es dann zum Zusammenschluss, weil klar wurde, dass mit einem gemeinsamen Auftritt mehr zu erreichen war. Die meisten Mitglieder hatte die Nationale Front in den Kantonen Zürich und Schaffhausen, dort konnte sie auch ihre grössten Wahlerfolge feiern. 1933 bei den Wahlen ins Zürcher Stadtparlament erreichte sie 10 von 120 Sitzen, im Kanton Schaffhausen kam sie bei den Ständeratsersatzwahlen auf beachtliche 26% Stimmenanteil, die aber nicht zu einem Sitzgewinn reichten. Obwohl zu diesem Zeitpunkt ihre Mitgliederzahlen bereits wieder am Sinken waren, erreichte die Nationale Front bei den Nationalratswahlen 1935 im Kanton Zürich einen Nationalratssitz, den sie mit Robert Tobler besetze.
In den ländlichen Teilen des Kantons Bern war vor allem die Schweizer Heimatwehr, 1925 im Kanton Zürich gegründet, aktiv. Sie forderte den Schutz der Landwirtschaft und des Kleingewerbes vor ausländischer Konkurrenz und betonte den Kampf gegen Juden, Geheimbünde und Linksextremisten.

Westschweiz, Tessin
Die rechten Gruppierungen in der Westschweiz und im Tessin lehnten sich stark am faschistischen Modell Italiens an, ihre Führer hatten zum Teil auch direkte Kontakte zu Mussolini. In Genf erreichte die Union Nationale 1935 einen Nationalratssitz und in den Grossratswahlen ein Jahr später 10 von 100 Sitzen im Parlament.
Neben der Teilnahme an Wahlen versuchten die Fronten zweimal mittels Initiativen Einfluss auf die Politik zu nehmen. Die Initiative zur Totalrevision der Bundesverfassung von 1935, wie auch die Freimaurerverbotsintiative 1937 scheiterten jedoch an der Urne.
Die Beteiligung am politischen Prozess mittels Initiativen und Wahlteilnahme war nur eine Seite der Fronten. In Anlehnung an die italienischen und deutschen Vorbilder organisierten die Fronten Massenaufmärsche und Versammlungen mit Fahnen und, bis zum Verbot, auch in Uniform. Gleichzeitig wurden Schlägertrupps gebildet, die sich an gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei und Linken beteiligten. In Zürich wurden zum Beispiel die Aufführungen des Kabaretts Pfeffermühle gestört, welches durch deutsche EmigrantInnen gegründet worden war. 1934 kam es zu einem Sprengstoffanschlag auf einen linken Journalisten.
Die Erfolgsphase der Fronten war nur von kurzer Dauer. Bereits 1935 war die Bewegung auf dem absteigenden Ast, trotz den beiden Sitzgewinnen im Nationalrat. Gründe dafür waren zum einen das Auftreten und Verhalten der Fronten, das von einem Grossteil der Bevölkerung abgelehnt wurde, zum andern interne Rivalitäten, die zu einer Zersplitterung der Fronten führten. Ein weiterer Grund war, dass die linken und bürgerlichen Parteien wegen der Bedrohung der Schweiz durch den Nationalsozialismus ihre Zwistigkeiten zu überwinden versuchten und verstärkt zusammenarbeiteten.
Im Sommer 1940 nach dem Sieg Deutschlands über Frankreich wurden die Fronten nochmals kurz aktiv, verschwanden dann aber bald wieder. Im Jahr 1943 löste sich dann die letzte frontistische Organisation auf.

Nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die rechtsextremen Gruppen politisch erledigt, die wenigen Versuche sich zu organisieren scheiterten. Die rechten Extremisten zogen sich aus der Öffentlichkeit zurück, trafen sich in kleinem Kreis und versuchten mit der Veröffentlichung von Büchern und Zeitschriften ihre Ideen zu vermitteln. Erst in den 1970er - Jahren gab es in der Schweiz wieder organisierte rechtsextreme Gruppen, die sich jedoch noch immer hinter verschlossenen Türen trafen. In die Öffentlichkeit traten diese Gruppen erst im Verlauf der 1980er - Jahre, als sie mit ersten Aufmärschen und Gewaltaktionen von sich reden machten.
Die in den 1960ern gegründete Nationale Aktion war keine rechtsextreme Gruppierung, hatte aber mit ihrem Hauptthema, der Überfremdung der Schweiz, durchaus Berührungspunkte zu solchen Gruppen. Zudem war ihr Aushängeschild James Schwarzenbach 1934 an den Tumulten um das Kabarett Pfeffermühle beteiligt, hatte grosse Sympathien für den spanischen Diktator Franco und hatte nach dem Krieg Briefkontakt zu einem ehemaligen Obersturmbannführer der Waffen-SS. Mit seiner Partei und dem Kampf gegen die drohende Überfremdung war die Partei attraktiv für ehemalige Fröntler und Rechtsradikale.

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Bildnachweis:

Programm Nationale Front (Zeitung „Front“ 12.10.1936)
„Marsch auf Bern“ Kundgebung der Nationalen Front in Bern 23.5.1937. (Schweiz. Landesbibliothek, Bern)
James Schwarzenbach in seinem Büro. (Schweiz. Sozialarchiv)

Quellen:

Zu Fronten:
Wolf, Walter: Faschismus in der Schweiz: Die Geschichte der Frontenbewegung in der deutschen Schweiz 1930 – 1945, Zürich 1969.
Gilg, Peter/ Grunder, Erich: Nationale Erneuerungsbewegungen in der Schweiz 1925-1940, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Nr. 14/1966, S. 1-25.

Zur Nachkriegszeit:
Frischknecht, Jürg: „Schweiz wir kommen“, Die neuen Fröntler und Rassisten, Zürich 1991.

Zu Schwarzenbach:
Drews, Isabel: Schweizer erwache! Der Rechtspopulist James Schwarzenbach (1967-1978), Frauenfeld 2005.