Faschismustheorien

Erklärungsversuche, warum es zum Faschismus kam,
am Beispiel des deutschen Faschismus

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Faschismustheorien versuchen zu erklären, warum es faschistische Bewegungen und Regimes gab und gibt. Sie wurden meistens von GegnerInnen des Faschismus entwickelt. Ihr Ziel ist es deshalb auch, einen Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus zu leisten.
Faschismustheorien decken die gesellschaftlichen Bedingungen auf, die zum Faschismus führten. Da diese Bedingungen nicht einfach 1945 aufgehört haben zu existieren, sind Faschismustheorien bis heute ein politisch und wissenschaftlich sehr umstrittenes Gebiet. Wichtig ist dabei vor allem der Zusammenhang von Faschismus und Kapitalismus.

Der Begriff Faschismus
Der Begriff Faschismus ist abgeleitet vom italienischen Wort „fascio“ (Bund). Die von Benito Mussolini geführten Gruppen von ursprünglich politisch von links her kommenden Befürwortern des Eintritts Italiens in den Ersten Weltkrieg nannten sich „fasci d’azione rivoluzionaria“ (revolutionäre Aktionsbünde) und vereinigten sich später mit anderen, nun deutlich rechtsaussen stehenden Gruppen zur faschistischen Partei. Faschistische Bewegungen verbanden damit politisch sehr weit „rechts“ zu positionierende Ziele mit Mitteln des politischen Auftritts, die man sonst eher von „linken“ Gruppen her kannte.
Faschismustheorien gehen davon aus, dass die Diktaturen in Italien (1922-1943/45) unter dem von Benito Mussolini geführten Partito Nazionale Fascista (PNF) und in Deutschland (1933-1945) unter der von Adolf Hitler geführten Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) genügend gemeinsame Merkmale aufweisen, dass auf beide der Begriff „Faschismus“ angewendet werden kann. In den meisten Ländern Europas gab es in dieser Zeit Bewegungen, die sich diese beiden Regimes zum Vorbild nahmen.
Ein Hauptmerkmal faschistischer Regimes ist, dass sie von einer gewalttätigen Massenbewegung mit einem eigenen bewaffneten Arm getragen werden, die nach dem „charismatischen“ Führerprinzip aufgebaut ist. Andere Typen von Rechtsdiktaturen stützen sich dagegen zu einem stärkeren Grad auf die traditionellen Eliten, die Armee, die Kirche und gegebenenfalls die Krone.
In Bezug auf verschiedene Regimes, die stärker als Italien und Deutschland auch Merkmale der traditionellen Rechtsdiktatur trugen, aber gleichzeitig faschistische Methoden kopierten und sich teilweise auch auf kleinere faschistische Bewegungen stützten, gehen unter den Faschismustheoretikern die Meinungen auseinander, ob sie ebenfalls als „faschistisch“ bezeichnet werden sollen. Dazu gehören namentlich die Diktaturen in Japan (1926-1945), in Österreich (1934-1938), in Portugal (1926-1973) und in Spanien (1939-1975), aber auch die Militärdiktaturen in Lateinamerika, in Griechenland und in der Türkei der 1970er - und 80er -Jahre.

Frustrierte Offiziere als Kern der faschistischen Bewegung
Der Kern der faschistischen Bewegungen waren Gruppen von frustrierten Kriegsveteranen (v.a. Offiziere), die vom Ergebnis des Ersten Weltkriegs (Niederlage Deutschlands, Nichterreichen der Kriegsziele Italiens) enttäuscht waren. Sie schufen paramilitärische Verbände, die sich v.a. gegen die ArbeiterInnen - Bewegung richteten, deren revolutionäre Bewegungen in Russland, Deutschland und Österreich 1917/18 den Krieg beendet hatten. Schon diese frühen Faschisten traten von Anfang an äusserst gewalttätig auf (Störungen gegnerischer Versammlungen, Mordanschläge auf politische Gegner, Brandanschläge auf gegnerische Einrichtungen). Häufig war der Charakter der Gewaltakte provokatorisch, das heisst, die politischen GegnerInnen sollten dazu getrieben werden, selbst gewalttätig zurückzuschlagen um danach in einen Konflikt mit Polizei, Justiz und Armee zu geraten. Von Anfang an forderten FaschistInnen neue Kriege, um die im Ersten Weltkrieg nicht erreichten Kriegsziele doch noch zu erreichen und wurden v.a. aus der Rüstungsindustrie finanziert.

Der Faschismus als Bewegung aus der gesellschaftlichen Mitte
Um diesen kleinen, harten Kern scharten sich in den schweren Krisen der Zwischenkriegszeit (der Inflation vor 1923 und der Weltwirtschaftskrise ab 1929) breitere Massen, die in erster Linie aus der gesellschaftlichen Mitte der kleinen selbständigen UnternehmerInnen (Kleinbürgertum), Bauern und Angestellten kamen. Diese Mittelschichten litten unter der Wirtschaftskrise und wollten ihren Protest gegen das für die Krise verantwortliche kapitalistische Gesellschaftssystem ausdrücken, standen aber gleichzeitig der sozialistischen ArbeiterInnen-Bewegung grösstenteils feindlich gegenüber. Dazu kam ein Zulauf von „ganz unten” in der Gesellschaft: Kriminelle schlossen sich den faschistischen Banden an, weil sie bei deren Aktionen ungestraft rauben und morden konnten. Arbeitslose schlossen sich den paramilitärischen Organisationen der Faschisten an, weil sie dabei Sold, Uniformen und Verpflegung erhielten.
Als der Faschismus immer stärker wurde, schlossen sich ihm viele Opportunisten aus allen Schichten an, die immer auf der Seite der Sieger stehen wollen. Wenig Erfolg hatten die FaschistInnen bei der damals grössten gesellschaftlichen Klasse: Obschon es immer ein Ziel der FaschistInnen war, in Opposition zur sozialistischen ArbeiterInnen - Bewegung „nationale“ ArbeiterInnenverbände aufzubauen, blieben die meisten ArbeiterInnen den sozialdemokratischen, kommunistischen und christlich-sozialen ArbeiterInnenorganisationen treu.

Die Machtübergabe an den Faschismus
Die herrschenden Klassen, die KapitalistInnen und GrossgrundbesitzerInnen wollten ursprünglich nicht, dass der Faschismus selbst die Staatsmacht übernimmt. Sie bezahlten aber die Ausrüstung der paramilitärischen faschistischen Truppen, deren gewalttätiges Treiben die bürgerliche Staatsgewalt weitgehend duldete. Ziel war dabei den Unmut radikalisierter kleinbürgerlicher und bäuerlicher Schichten zu kanalisieren und die ArbeiterInnenklasse einzuschüchtern. Erst durch diese Unterstützung von oben wurden die FaschistInnen zu einer ernstzunehmenden Macht.
Der Faschismus ist also seinem Ursprung nach nicht eine Partei des Grossbürgertums. Dennoch gibt es einen engen Zusammenhang von Faschismus und Kapitalismus. Die faschistische Partei wurde erst dank der finanziellen Unterstützung durch das Grosskapital so stark, dass sie selbst nach der Macht greifen konnte. Der österreichische Sozialdemokrat Otto Bauer schrieb dazu 1936 in seinem Buch „Zwischen zwei Weltkriegen?“: „Die Bourgeoisie hatte nur noch die Wahl, die faschistische Privatarmee, die sie finanziert und bewaffnet hatte, gewaltsam zu zerschmettern und damit das niedergeworfene Proletariat zu entfesseln oder der Privatarmee des Faschismus die Staatsgewalt zu übergeben. In dieser Situation liess die Bourgeoisie ihre eigenen Vertreter in der Regierung und im Parlament im Stich, sie zog die Übergabe der Staatsmacht an den Faschismus vor.“ Bürgerliche Politiker mit engsten Verbindungen zu den führenden Wirtschaftskreisen wie der liberale Ministerpräsident Giovanni Giolitti in Italien und der konservative Reichspräsident Paul von Hindenburg in Deutschland übergaben die Staatsmacht den faschistischen Parteien.

Der Faschismus an der Macht
Einmal an der Macht zerschlägt der Faschismus die Demokratie. Die faschistischen Privatarmeen werden zur Hilfspolizei erklärt und können ihre Verbrechen nun endgültig völlig ungestraft begehen. Die ArbeiterInnen-Bewegung und andere demokratische Kräfte werden verfolgt, alle Parteien, Gewerkschaften, Verbände und Vereine ausserhalb des Einflussbereichs des faschistischen Staats verboten. Der ganze Staatsapparat und sämtliche gesellschaftlichen Organisationen werden der Diktatur einverleibt („gleichgeschaltet“).
Die breiten Schichten, die dem Faschismus zur Macht verholfen haben, werden in ihren Hoffnungen enttäuscht. Das Grosskapital hat keine legal agierenden GegnerInnen mehr und deshalb mehr Macht denn je. Neue Arbeitsplätze werden geschaffen, diese dienen aber zum grössten Teil direkt und indirekt Kriegsvorbereitungen.
Obwohl der faschistische Staat vordergründig ein autoritärer „starker Staat“ war, herrschte, wie der deutsch-amerikanische Soziologe Franz Neumann gezeigt hat, im deutschen „totalitären Monopolkapitalismus“ ein eigentliches gewalttätiges Chaos: Partei, Parteiarmee (SA und SS), Militärs, Monopolkapital und Staatsbürokratie konkurrierten miteinander um die Herrschaft und der angeblich so starke „Führer“ spielte zwischen diesen Machtblöcken eher die Rolle eines schwankenden, unberechenbaren Schiedsrichters.

Faschismus und Krieg
Faschistische Regimes halten sich auch international an keine Rechtsnormen mehr, sie brechen Verträge und entfesseln Kriege, die unverhüllt die Ausplünderung der besiegten Nationen zum Ziel haben. Der Imperialismus, also das Streben des Grosskapitals eines Landes, neue Absatzmärkte und Rohstoffvorkommen im Ausland auch gewaltsam zu erobern, verliert im Faschismus jede Hemmung. Der Widerstand gegen die faschistischen Besatzungsregimes wird mit Mitteln unterdrückt (namentlich Geiselerschiessungen), die vorher in Europa unvorstellbar schienen. Das bekannteste und wahnwitzigste der Verbrechen des deutschen Faschismus, der Versuch die europäischen Jüdinnen und Juden völlig auszurotten, ist so gesehen nur ein logischer Schlusspunkt dieser räuberischen und mörderischen Politik.

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Quellen:

Bauer, Otto/ Marcuse, Herbert/ Rosenberg, Arthur u.a.: Faschismus und Kapitalismu, Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Faschismus, Frankfurt/M. 1967.

Bauer, Otto: Zwischen zwei Weltkriegen? Die Krise der Weltwirtschaft, der Demokratie und des Sozialismus, Brünn 1936 (erneut abgedruckt in Otto Bauer Werkausgabe, Bd. 4, Wien 1976.)

Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Hamburg 1994.

Neumann, Franz / Leopold, Behemoth: Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, Frankfurt/M. 1993 (Erstausgabe Oxford 1944).

Saage, Richard: Faschismustheorien, Baden-Baden 1997.

Schieder, Wolfgang: Faschismus, in: Richard von Dülmen (Hg), Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt/M. 1990.

Wippermann, Wolfgang: Faschismustheorien. Zum Stand der gegenwärtigen Diskussion (Erträge der Forschung Bd. 17), Darmstadt 1997.