Faschismus in Europa

Ein politisches Phänomen nach dem Ersten Weltkrieg -
nicht nur in Deutschland und Italien

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Wenn man vom Faschismus in Europa spricht, meint man damit grob die Zeit zwischen etwa 1930 und 1945, in der die prägenden Ereignisse die Machtübergabe an die Nationalsozialisten und der damit verknüpfte Zweite Weltkrieg waren. Diese Ereignisse müssen aber als Teil einer grösseren geschichtlichen Entwicklung gesehen werden, die darin bestand, dass in Europa nach dem Ersten Weltkrieg politische und geografische Umwälzungen stattfanden, die die gewohnte Ordnung auf den Kopf stellten. In der darauf folgenden Phase der Neuordnung und der wirtschaftlichen Krisen kamen Kräfte an die Macht, die bis dahin zwar auch schon gewirkt hatten, aber nur als eine von vielen anderen Meinungen. Alle rechtskonservativen Bewegungen als faschistisch zu bezeichnen, wäre allerdings eine unzulässige Vereinfachung.

Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg, Zwischenkriegszeit

Der Erste Weltkrieg veränderte die politische Landkarte Europas: auf dem Gebiet der ehemaligen Monarchien Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland entstanden viele neue Staaten, wie zum Beispiel Jugoslawien, die Tschechoslowakei, Estland, Lettland und Litauen. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte es drei Republiken gegeben: Portugal, Frankreich und die Schweiz. 1918 waren es 13, darunter nicht zuletzt Deutschland, Österreich und die Sowjetunion, sowie die neuen Staaten Ostmitteleuropas Polen und die Tschechoslowakei, die baltischen Staaten und auch Finnland. Neben diesen Republiken gab es in Europa immer noch die alten Monarchien, vor allem in Nord- und Nordwesteuropa: Grossbritannien, Skandinavien und die Benelux-Staaten. Diese Monarchien hatten aber schon damals ein Parlament, wie auch heute, neben dem die MonarchInnen eher eine repräsentative Funktion haben. Daneben wurden auch die neu gegründeten Staaten in Südosteuropa Monarchien: Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien. Sie hatten, wie später, ab 1936, auch Griechenland und Spanien, kein Parlament und wandelten sich schnell zu autoritären Monarchien. Dabei spielte das Militär eine wichtige Rolle.
Bis 1939 zerfiel Europa dann in zwei Lager. Das eine war das der elf Verfassungsstaaten liberaler, liberal-konservativer und sozialdemokratischer Prägung im Westen und im Norden, dazu die Schweiz und die Tschechoslowakei.
Das andere war das der Diktaturen in der Mitte, im Osten, Südosten und Süden, die in drei Wellen zwischen 1921 und 1938 errichtet wurden; zur dritten Welle gehört die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland ab 1933. Die Gründe, warum in diesen Staaten die demokratischen Pfeiler wie Parlament und Verfassung abgeschafft und diktatorische Regimes installiert wurden, sind vielfältig: Die Wirtschaftskrise wird oft als Grund für die politische Instabilität genannt, ebenso verbreitet ist die Auffassung, dass die Staaten, die im Ersten Weltkrieg zu den Verlierern gehörten und sich ungerecht behandelt fühlten, offen waren für diktatorische Regierungen. Auch gilt, dass die nach dem Ersten Weltkrieg neu gegründeten Staaten besonders anfällig waren für Angriffe gegen die Demokratie, weil sie nach langen Jahren der Monarchie keine demokratische Tradition hatten.
Mit dem Zweiten Weltkrieg wurden dann natürlich auch die parlamentarischen Systeme der besetzten Gebiete zerstört, in der Tschechoslowakei, in Belgien, Dänemark, den Niederlanden, Norwegen, Frankreich.

Rechts-konservative Ideologien seit dem Ersten Weltkrieg
Auffallend ist, dass alle liberalen Institutionen in dieser Zeit von der politischen Rechten angegriffen wurden, obwohl sich viele ZeitgenossInnen eher vor einem Angriff der kommunistischen Gruppierungen gefürchtet hatten. Die Sowjetunion blieb aber unter Stalin isoliert.
Die rechten Bewegungen, die in der Zwischenkriegszeit die liberalen Gesellschaften bedrohten und besiegten, alle als „faschistisch” zu bezeichnen, ist aber verkürzend:
Bei weitem nicht alle Kräfte, die liberale Regierungen stürzten, waren faschistisch, doch wurden viele antiliberale, rechtskonservative und nationalistische Kräfte vom italienischen Faschismus und vom deutschen Nationalsozialismus inspiriert und unterstützt; gerade nach 1933 schöpften sie viel Selbstvertrauen aus den politischen Erfolgen der Nazis.
Die Kräfte, die liberal-demokratische Regierungen stürzten, weisen einige Gemeinsamkeiten auf:

1. Alle sind antikommunistisch und Gegner der sozialen Revolution.
2. Alle regieren autoritär und lehnen liberale politische Institutionen ab.
3. Alle verbieten, wenn nicht alle, so doch nicht genehme Parteien.
4. Alle tendieren dazu, das Militär zu favorisieren und die Polizei und andere bewaffnete und kampffähige Männerbünde zu fördern.
5. Alle sind nationalistisch.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass jeder Staat, der eines dieser Merkmale aufweist, faschistisch ist. Es gibt bei allen Gemeinsamkeiten auch Unterschiede. Grundsätzlich lassen sich drei Gruppen unterscheiden:
In Finnland mit Marschall Mannerheim, in Polen mit Marschall Pilsudski, in Jugoslawien mit König Alexander und in Spanien mit General Franco waren altmodische Autoritäten an der Macht. Sie hatten keine spezifische Ideologie, ausser eines strammen Antikommunismus und traditioneller elitärer Klassenvorurteile (der Adel soll die Macht auf sich vereinen). Sie paktierten allerdings mit den faschistischen Gruppierungen ihrer eigenen Staaten und den faschistischen Staaten Europas.
Vertreter der zweiten Gruppe waren Österreich unter Dollfuss (1934-1938) und Portugal unter Salazar (1927-1974). Diese rechten Regimes orientierten sich an einer romantisch-nostalgischen Vorstellung vom Mittelalter und von einer Feudalgesellschaft, in welcher kein Klassenkampf herrscht, weil jeder Stand seine gesellschaftliche Aufgabe innehat. Nach dieser Vorstellung funktioniert der Staat wie ein Körper, mit einem denkenden und regierenden Kopf (Führer) an der Spitze und den arbeitenden Händen und Füssen (ArbeiterInnen/ Unterschicht); jeder hat seinen unverrückbaren Platz und würde beim Kampf gegen diesen Platz sich selbst schaden (so wie wenn die Hand den eigenen Kopf abschlägt). Diese Art der Diktaturen bildeten sich vor allem in römisch-katholischen Staaten aus und wurden oft von der Kirche unterstützt. Inhaltlich sind sie kaum vom Faschismus zu unterscheiden, mit dem sie der gemeinsame Hass auf die Aufklärung und die Französische Revolution (liberté, egalité, fraternité - Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit), auf Ideen wie Demokratie, Liberalismus und den ‚gottlosen Kommunismus’ verbindet. Die katholische Kirche war dem Faschismus gegenüber nur dort skeptisch, wo er sich „gottlos” gab.

Faschismus im eigentlichen Sinn
Bleiben als dritte Gruppe die Bewegungen, die faschistisch genannt werden. Zuerst gab es die italienische, die dem Phänomen auch seinen Namen gab. Ohne den Triumph Hitlers in Deutschland wäre aber aus dem Faschismus wohl kaum eine grössere Bewegung geworden. Abgesehen von Italien wurden alle faschistischen Bewegungen erst nach der Machtübergabe an die Nazis gegründet: die ungarischen Pfeilkreuzler, die Eiserne Garde in Rumänien, die kroatische „Ustascha”-Bewegung.
Faschismus ist eine theoriefeindliche Ideologie; Instinkt und Wille ist den FaschistInnen wichtiger als Vernunft. Deshalb gibt es keine eigentliche faschistische Theorie. Es lassen sich aber trotzdem einige Unterschiede zwischen der faschistischen und der nichtfaschistischen, konservativen Rechten erkennen:
Der Faschismus sprach in der Zwischenkriegszeit weit stärker die Massen an als andere rechte Kräfte. Die Träger der konservativen Rechten waren tendenziell die adelige Oberschicht und die Spitze der katholischen Kirche, das heisst eine Minderheit; den Kitt der faschistischen Bewegungen aber bildete der so genannte „kleine Mann”, die unteren und mittleren Schichten der europäischen Gesellschaften.
Der Faschismus war zwar auch antimodern und betonte alte, konservative Werte wie die Rückkehr der Frau an den Herd, doch die faschistischen Bewegungen wollten nicht die alten Mächte, König und Kirche, wieder einsetzten, sondern einen neuen „Führer”. Der Faschismus lehnte wie die anderen rechten Kräfte die Errungenschaften der Französischen Revolution (Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit) und die Ideologie des Fortschritts ab. Der Faschismus war aber insofern modern, als dass er die modernen Hochtechnologien der Zeit nutzte und konservative Werte mit modernen Ideologien, wie zum Beispiel den modernen Rassentheorien, verband.
Die verschiedenen rechten Bewegungen, die in Europa nach dem Ersten Weltkrieg die Macht übernahmen, befanden sich zwar oft miteinander im Widerstreit, in entscheidenden Momenten gingen sie aber immer wieder Bündnisse ein:
Hitler kam mit Hilfe der nationalkonservativen Rechten an die Macht, die faschistischen Diktaturen unterstützten den autoritär-konservativen General Franco im Spanischen Bürgerkrieg, und nach dem Zweiten Weltkrieg konnten zahlreiche Nazis, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt wurden, mit Hilfe von Kirchenfunktionären ins Ausland fliehen.
Faschismus und andere rechte Bewegungen in der Zwischenkriegszeit sind schwierig voneinander abzugrenzen, weil sie die gleichen Feinde und weitgehend gleiche Ziele hatten und im Ernstfall fast immer zusammen arbeiteten.
Das bedeutet, dass die Gefahr für das liberal-demokratische Europa nicht nur vom Faschismus, sondern von den verschiedensten anderen rechten Kräften ausging.

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Bildnachweis:

Karte, Diktaturen (Geschichtsbuch 4, 2000, cornelsen, ISBN 3-464-64204-6)

Quellen:

Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Wien 1995.