Um Antifaschismus verstehen zu können bedingt es zwei grundlegende Erkenntnisse. Erstens ist Antifaschismus selbst kein politisches Programm, sondern die strikte Ablehnung der faschistischen Ideologie. Antifaschismus ist demnach in erster Linie eine Anti-Haltung und beinhaltet in dieser Form noch kein „Für“. Zweitens ist wichtig zu verstehen, dass jede und jeder, welcheR sich strikt gegen Faschismus ausspricht, einE AntifaschistIn ist. Somit ist der Begriff Antifaschismus eigentlich ein Sammelbegriff. Er vereint SozialdemokratInnen, SozialistInnen, KommunistInnen
und AnarchistInnen, aber auch einige konservative und gewisse kirchliche und religiöse Kreise können sich als antifaschistisch verstehen.
Der Begriff Antifaschismus kommt aus Italien, wo sich die Gegner Mussolinis jeglicher politischer Grundhaltung als Antifaschisten bezeichneten. In den 1930er - Jahren wurde dieser Begriff auch durch die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) übernommen und die „Antifaschistische Aktion“ gebildet. Während des ganzen Zweiter Weltkriegs kommt es zu diversen antifaschistischen Bünden, welche oftmals bewaffneten Widerstand leisteten.
Der Begriff Antifaschismus wird heutzutage vor allem für die diversen Antifa-Gruppen verwendet (Antifa ist ein Akronym für Antifaschismus). Diese Gruppen sind meist im linksradikalen, libertär/ anarchistischen oder kommunistischen Spektrum einzuordnen. Ihr Antifaschismus basiert auf einem weitgreifenderen Faschismusbegriff. Kapitalismus, Sexismus,
Rassismus und, je nach Standpunkt der Antifa-Gruppen, auch jegliche Form von Machtstrukturen werden als Grundlage für den Faschismus betrachtet. Diese Strukturen gelte es zu überwinden um Faschismus dauerhaft zu verhindern. Hier kommt ein starkes „Für“ in die Ideologie, welches aber eher aus dem politischen Hintergrund der AktivistInnen stammt als aus dem Antifaschismus selbst. Damit soll gesagt werden, dass das „Für“ sich aus der politischen Grundhaltung ergibt und nicht aus dem Antifaschismus selbst.
Antifaschismus in den Nachkriegsjahren
Mit dem Zweiten Weltkrieg waren die faschistischen Regimes Europas und Japans zerschlagen. Die Alliierten hatten gesiegt und in der ersten Nachkriegszeit schien der „Faschismus“ definitiv der Vergangenheit anzugehören. Doch bereits Ende der 1940er - Jahre zerbrach das Bündnis zwischen den Westmächten und der Sowjet-Union – der Kalte Krieg hatte begonnen. Dieser liess die anfänglich mit grossem Elan begonnene Entnazifizierung versanden. Dies aus zwei Gründen:
Die Weststaaten sahen in den kommunistischen Ostblockstaaten die grössere Bedrohung als in den FaschistInnen, obwohl diese teils immer noch hohe Funktionen inne hatten. Zudem orteten sie in der eher rechtskonservativ eingestellten Gesellschaft den besseren Verbündeten gegen die KommunistInnen - somit kamen den Westmächten gewisse anhaltende faschistische Tendenzen sogar entgegen. Zudem war ein Streit entbrannt, bis zu welcher Hierarchiestufe die Täter zur Rechenschaft gezogen werden sollten, eine Diskussion, die sich mit dem Fallenlassen der Entnazifizierung erübrigte. Die Ostblockstaaten betrachteten sich selbst als antifaschistisch und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) erhob den Anspruch der erste antifaschistische Staat auf deutschem Boden zu sein. Dies hatte schwerwiegende Folgen insofern, als laut der offiziellen Rhetorik keine FaschistInnen in der DDR lebten und somit das Problem gar nicht existierte. Diese konsequente Nichtbeachtung liess in der DDR bis zur Wende eine grosse Anzahl junger Neonazis heranwachsen, welche eine willkommene Nachhut für die im Westen aktiven Neonazis darstellte. So wirft dieses Verhalten der DDR bis heute seine Schatten.
Die 1968er & Faschismus
Vor allem aus dem linken Lager wurde schon bald auf den Fortbestand faschistischer Ideologie in der Politik verschiedener Länder hingewiesen. Die Diktatur Francos in Spanien, aber auch gewisse lateinamerikanische Regimes wurden als faschistisch angeprangert. Aber auch in den westlichen Demokratien wurden faschistische Züge und Methoden kritisiert. So zum Beispiel in Schulen und Universitäten, aber auch in der Armee und der Polizei waren personelle sowie methodische Kontinuitäten erkennbar, dies nicht zuletzt, weil etliche Kader der faschistischen Diktaturen ihre Stellen behalten durften. So liess der ehemalige Nazi und damalige Polizeipräfekt von Paris, Maurice Papon, am 17.10.1961 eine friedliche Demonstration algerischer UnabhängigkeitsaktivistInnen angreifen, wobei zwischen 200-300 Menschen ums Leben kamen und etwa 14’000 TeilnehmerInnen vorübergehend verhaftet wurden.
Diese Kritik kam anfänglich ausschliesslich aus den intellektuellen Kreisen der „Neuen Linken“. Mit der 68er - Revolte verdichteten sich jedoch die oben genannten Elemente: Die Kritik an den Institutionen und Methoden der Polizei fanden zunehmend breitere Zustimmung in der Bewegung. Die Nachkriegsgeneration brachte vor allem in Deutschland, aber auch in Italien und teilweise in Österreich die Frage der Verantwortung ihrer Eltern auf den Tisch, was zu einem heftigen Generationenkonflikt führte. Die Kriegsführung der US-Armee in Vietnam, sowie die US-amerikanische Unterstützung lateinamerikanischer Diktatoren erschienen in diesem Licht ebenfalls als faschistisch. Diese offene Handhabung des Faschismusbegriffs führte dazu, dass alles, wogegen sich die aussenparlamentarische Linke richtete, irgendwie als „faschistisch“ bezeichnet wurde: das Kapital, das Patriarchat, die Polizei, die Justiz, das Militär etc. Ende der 1990er - Jahre schlug das Pendel in die andere Richtung aus. Um den Begriff nicht noch weiter zu verwässern, wurde er immer weniger verwendet – leider auch dann nicht, wenn er angebracht gewesen wäre.
Auf der anderen Seite gaben die antikommunistischen Hetzkampagnen der Westmächte vielen FaschistInnen das Gefühl wieder gefragt zu sein. Es kam in ganz Europa zu inoffiziellen Verbindungen zwischen neofaschistischen Gruppen und Abteilungen der jeweiligen Geheimdienste. Bekanntestes Beispiel ist die Verbindung von Gladio zu faschistischen Kreisen in Italien. Gladio war eine von der NATO unterhaltene Geheimeinheit, welche bei einer Machtergreifung durch die Kommunisten in Italien hätten eingreifen sollen. Rekrutierungsgebiet für die Einheiten waren gerade faschistische Kreise. Diverse blutige Attentate, unter anderem jenes auf die Mailänder Piazza Fontana vom 12. Dezember 1968 und den Bahnhof von Bologna am 2. August 1980 werden ihnen heutzutage angelastet, wurden damals aber linken Kreisen zugeschrieben.
Im Zusammenhang mit der 68er - Revolte kam es zu ersten militanten Aktivitäten neofaschistischer Gruppen gegen linke AktivistInnen. Italienische Neofaschisten töteten bei einem Angriff auf linke StudentInnen am 27.4. 1966 den Studenten Paolo Rossi. Am 11.April 1968 wurde Rudi Dutschke, einer der Köpfe der deutschen StundentInnenbewegung, von einem Rechtsextremen angeschossen. Doch im Grossen und Ganzen beschränkten sich die NeofaschistInnen darauf eigene Netzwerke aufzubauen und sich zu reorganisieren.
Antifaschismus in den 1970ern, 80ern & 90ern bis heute
Erst in den 1970er - Jahren traten die neu formierten Gruppen an die Öffentlichkeit, so zum Beispiel die Organisationen um die deutschen Neonazis Michael Kühnen oder Karl-Heinz Hoffmann. In den 1980er - Jahren kam es in Deutschland zu neonazistischen Aktivitäten, wie den Bombenanschlag auf das Oktoberfest durch den Neonazi Köhler, bei dem 12 Menschen starben. Dieses Attentat war trotz der Aktivitäten diverser linker Terrorgruppen wie zum Beispiel der „Roten Armeefraktion“ (RAF) oder „2. Juni“ das blutigste in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ende der 1980er machten sich auch in der Schweiz mit dem kleinen Frontenfrühling die Neonazis wieder bemerkbar. Seitdem kommt es zu Übergriffen gegen Gastarbeiter, Homosexuelle, Linke, aber auch zu Brandanschlägen auf Unterkünfte von Asylsuchenden. Zunehmend kam und kommt es zu offenen Demonstrationen und Aktivitäten der extremen Rechten und FaschistInnen. Auch politisch versuchen sie Fuss zu fassen und gründen diverse Parteien. In diversen Ländern Europas haben rassistische Populisten grossen Erfolg - Berlusconi in Italien, Le Pen in Frankreich, Haider in Österreich etc. Als Reaktion auf diese Erscheinung bildeten sich in ganz Europa und auch in der Schweiz aus der Autonomen- und HausbesetzerInnen-Szene in den 1980ern die ersten Antifa-Gruppen. Auch in Bern entstand die erste Antifa-Gruppe aus dem Umfeld der Zaffaraya/AJZ-Bewegung. Mitte der 1990er entseht die Antifa Bern und etwa fünf Jahre später tritt das „Bündnis Alle gegen Rechts“ an die Öffentlichkeit.
Zwar schreiben die Medien den Antifas vor allem direkte Aktionen gegen neonazistische Aktivitäten wie Demonstrationen, Konzerte und
Infostände zu, doch sind auch Aufklärung und Recherchearbeit ein zentrales Betätigungsfeld der Antifa-Gruppen. Grossflächige Kampagnen werden lanciert um die Öffentlichkeit zu informieren und die antifaschistischen Anliegen breiter abzustützen, z.B. die Kampagnen der deutschen
Antifa gegen den jährlichen Naziaufmarsch am Todestag von Rudolf Hess am 20. August in Wunsiedel oder die Kampagne „We will rock you – Weg mit Naziläden, rechter Musik & rechtem Lifestyle“. In der Schweiz wuchsen in einigen Städten, darunter Bern, Genf und Zürich, Antifa-Gruppen, welche stark auf Kontinuität setzten und es immer noch tun. So fand dieses Jahr in Bern das siebte Jahr in Folge der Antifaschistische Abendspaziergang statt.
Überall, wo Neonazis und rechtsextreme Kreise sich erneut zu gruppieren begannen, kam und kommt es zu Gegenwehr. Eine Ausnahme bildete, wie bereits erwähnt, die DDR, wo sich Neonazis mehr oder weniger ungehindert organisieren konnten. Ein weiterer Punkt, welcher das Aufkommen von Antifa-Gruppen förderte, war die allgemeine Tendenz der Behörden neonazistisch motivierte rassistische Übergriffe klein zu reden und zu verharmlosen. Die Übergriffe rechtsextremer und faschistischer Gruppen sprechen aber eine deutliche Sprache.
Antifaschismus im Sinn der Antifa-Gruppen bedeutet, dass es unerlässlich ist der Entwicklung der extremen Rechten entschlossen entgegenzutreten, dies nicht zuletzt auch auf der Strasse. Dabei sollen aber die Umstände nicht vergessen werden, welche die Auslöser für Rassismus, Xenophobie, Sexismus etc. sind, Probleme, als deren Wurzel kapitalistische Strukturen wie Gewinnmaximierung und Ausbeutung definiert werden. Gerade jetzt, da die FaschistInnen in der Schweiz und anderswo sich in die Tagespolitik einzumischen versuchen, ist es den Antifa-Gruppen umso wichtiger, ihnen dieses Terrain mit ihren Inhalten und Formen unter den Füssen wegzuziehen. In diesem Sinn ist die Entwicklung der „Antifaschistischen Aktionen“ eine weltweite.
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Bildnachweis:
Wir sind die Schweiz Demo, Bern, 17. Juni 2006 (Berner Zeitung, Montag, 19. Juni 2006, Keystone)
Antifa heisst Angriff (Rebellion, Flugschrift des „Büros gegen finstere Zeiten“, 25.8.2000)
Lautstark (Zeitung der Antifa Bern, www.antifa.ch)
5. Antifa Abendspaziergang, Bern (Berner Zeitung, Mittwoch, 9. März 2005, Peter Geber)
Quellen:
Aust, Stefan: Der Bader Meinhof Komplex, München 1998
Buch zum Film „Nach Hitler“- Radikale Rechte rüsten auf: „Nach Hitler“- Radikale Rechte rüsten auf, ISBN 3-570-00566-6.
Burleigh, Michael: Die Zeit des Nationalsozialismus, Eine Gesamtdarstellung, Frankfurt am Main, 2000.
Gafner, Rudolf: 10 Jahre Berner Antifa- und nun?, Bern, Montag 15. März 2004, Der Bund.
Hauswirth, René/ Bornand, Jilline: Schweizer Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert 3/4, Die Schweiz in der Belastungsprobe von Krieg und Krise 1914- 1948, Zürich, Compedio Bildungsmedien AG, ISBN 3-7155-2224-0.
Hauswirth, René/ Felix, Christian: Geschichte des 20 Jahrhunderts 5/6, Die bipolare Welt 1949-197, Zürich, Compedio Bildungsmedien AG, ISBN 3-7155-1856-6.
Hauswirth, René/ Felix, Christian: Geschichte des 20 Jahrhunderts 3/6, Die Zeit zwischen den Beiden Weltkriegen 1923-1938, Zürich, Compedio Bildungsmedien AG, ISBN 3-7155-1766-2.
Redaktionskollektiv (Hrsg.): Antifaschistisches Infoblatt (AIB) Nr.69, Berlin, Herbst 2005.
Sachbuchreihe: Reihe antifaschistischer Texte, Unrast Verlag.
Steinbach, Peter/ Tuchel, Johannes: Lexikon des Widerstandes 1933-1945, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, München 1998.