Als 1941 – 1943 italienische Truppen in Jugoslawien und Griechenland mindestens 350’000 Menschen ermordeten, vollzogen die faschistischen Soldaten und Offiziere Mussolinis schon Gewohntes - Massenmord, Giftgas, Folter und Konzentrationslager hatten schon vorher zum normalen faschistischen „Kriegeralltag“ gehört. In Libyen (1922-1943) und Äthiopien (1935-1941) experimentierten die italienischen Faschisten noch vor dem Beginn des 2. Weltkriegs und den Kriegsverbrechen der Nazis mit der damals brutalsten Kriegsführung des 20. Jahrhunderts.
Die faschistische „Wiedereroberung“ des Imperium Romanum
Benito Mussolini, der 1911 als junger Sozialistenführer noch einen Generalstreik gegen den italienischen Expansionskrieg in Libyen organisiert hatte, verkündete 1921 als faschistischer Führer (Duce): „Es ist Schicksal, dass das Mittelmeer wieder unser werde.“ Damit nahm er Bezug auf eine politische Konstellation, die mehr als 1500 Jahre zurück lag, nämlich darauf, dass der Mittelmeerraum im römischen Reich während einiger Jahrhunderte von Italien aus kontrolliert worden war. Im folgenden Expansionskrieg wurde der Widerstand in den libyschen Kolonien niedergeschlagen, die BewohnerInnen wurden aus den fruchtbaren Küstenregionen vertrieben. Landenteignungen zugunsten von italienischen Siedlern wurden alltäglich. Der Einsatz der Luftwaffe führte zu einer Beschleunigung und „Verbesserung“ der Aufstandsbekämpfung mit allen Mitteln.
Giftgas und Wüsten-Todeslager
Um den erfolgreichen nordafrikanischen Guerilla-Widerstand gegen die italienische Besatzung zu brechen, setzte die italienische Armee ab 1928 u.a. durch die Luftwaffe abgeworfenes Giftgas (das Senfgas Yperit) ein. Auf Befehl des italienischen Gouverneurs in Libyen, Badoglio, wurden ab 1930 15 Wüsten-Konzentrationslager eingerichtet, in die 100‘000 Halbnomaden samt ihrem Vieh zwangsdeportiert wurden – ihre Ländereien erhielten italienische Bauern. Damit wollte die Armeeführung der Guerilla die soziale Basis entziehen. Etwa ein Zehntel der Zwangsdeportierten überlebte die wochenlangen Märsche in die Wüsten-KZs nicht, weitere 40% starben in den Lagern an Hunger, Krankheiten, Erschöpfung, am extremen Wüstenklima oder bei Straf-Massenexekutionen. 1931 wurde entlang der ägyptischen Grenze ein 300km langer und 4m breiter Stacheldrahtzaun samt befestigten Kontrollposten errichtet, um den Nachschub der Aufständischen zu behindern, was aber auch verheerende Folgen für den lebenswichtigen, grenzüberschreitenden Handel der dortigen Bevölkerung hatte. Eine weitere Massnahme war das gezielte Abschlachten von Schafen, Kamelen, Pferden und Eseln, denn Vieh war der einzige Reichtum der dort lebenden Stämme. Ende 1931 war der Widerstand geschlagen, mindestens 100‘000 LibyerInnen hatten ihr Leben verloren. In dieser libyschen „Schule der Gewalt“ lernten Tausende von Soldaten und Hunderte von Offizieren das Handwerk des faschistischen Terrors. Libyen kam erst 1943 unter britische und französische Militärverwaltung und wurde 1951 unabhängig.
Äthiopien: 380‘000 geschätzte Tote
Die Vorgeschichte: Krieg für den Zugang zum Indischen Ozean
Ende des 19. Jahrhunderts suchte Italien mit der Eroberung des Ostens Afrikas (Eritrea, Somalia, Äthiopien) einerseits einen Zugang zum Indischen Ozean, andererseits einen Platz im Club der europäischen Kolonialmächte. Der Kampf um einen Platz an der ostafrikanischen Sonne wurde mit militärischen und ökonomischen Mitteln geführt. Im Kaiserreich Äthiopien stiessen die italienischen Truppen auf harten Widerstand und mussten sich 1896 nach Eritrea zurückziehen. Die italienischen Faschisten erweckten die Eroberungspläne wieder zum Leben. 1935 überfiel das faschistische Italien Äthiopien ohne Kriegserklärung, ohne dass der Völkerbund, in dem Italien und Äthiopien Mitglieder waren, interveniert hätte. Die italo-faschistische Armee und deren afrikanische Söldnertruppen kontrollierten dank militärisch-technischer Überlegenheit und massiver Giftgaseinsätze nach 7 Monaten die wichtigsten Städte und Verkehrsverbindungen.
Africa Orientale Italiana (1936-1941)

1936 verkündete Mussolini: „Äthiopien ist italienisch!“. Der Duce sah sich als „Gründer“ des zweiten Weltreichs von Rom. Laut faschistischer Propaganda standen in Äthiopien 50 Millionen Hektare besten Ackerlandes für zwei Millionen italienische Bauern zur Verfügung. Am 1. Juni 1936 wurden per Gesetz (Legge organica) die Gebiete des Kaiserreichs Äthiopien mit den Kolonien Eritrea und Somalia zu Italienisch - Ostafrika bzw. Africa Orientale Italiana (AOI) vereint. An der Spitze von AOI stand ein von Rom eingesetzter Vizekönig, der die zivile und militärische Macht innehatte. Die beiden ersten Vizekönige waren Veteranen der brutalen Aufstandsbekämpfung der italienischen „Schule der Gewalt“ in Libyen.
Besatzung und Widerstand
Nach dem offiziellen „Ende“ des Krieges und der Errichtung des AOI war der äthiopische Widerstand gegen die italo-faschistischen Aggressoren noch lange nicht beendet. Der Grossteil der Bevölkerung lehnte die Besatzung ab, viele leisteten bewaffneten Widerstand. Angriffe gegen militärische Ziele, Sabotageakte gegen Kommunikations- und Verkehrswege, Belagerungen von ganzen Städten und andere Aktionen zwangen Rom noch Ende 1936 dazu, mit einer hohen (und teuren) Truppenpräsenz von 340‘000 Mann vor Ort zu sein. Nach einem Grossangriff des Widerstands auf Addis Abeba liess der Vizekönig 1937 einen durch Maschinengewehrnester gesicherten Stacheldrahtzaun um die Stadt ziehen, deren Tore aus Sicherheitsgründen nur tagsüber geöffnet wurden.
Am 19.2.1937 verübten zwei Widerstandskämpfer in Addis Abeba ein Attentat auf den italo-faschistischen Vizekönig, bei dem dieser und weitere 50 hohe Repräsentanten der Besatzung schwer verletzt wurden. Es gab auch Tote. Die Vergeltungsaktion der Besatzer führte zu einem von der faschistischen Parteizentrale angezettelten und koordinierten Pogrom. Einige Hundert Italiener wurden in todesschwadronartige Squadri eingeteilt und gegen „verdächtige“ Quartiere von Addis Abeba eingesetzt. Drei Tage lang wurde gebrandschatzt und gemordet – um die 6’000 Menschen kamen dabei ums Leben.
Faschistischer Terror
Mussolini befahl den gezielten Massenmord als Mittel im Kampf gegen die Guerilla, deren SympathisantInnen oder „Verdächtige“. Am 8.7.1936 telegrafierte er seinem Prokonsul in Addis Abeba: „Ich autorisiere Ihre Exzellenz noch einmal, systematisch mit einer Politik des Terrors und der Ausrottung gegen die Rebellen und die mitschuldige Bevölkerung zu beginnen und eine solche zu führen. Ohne das Gesetz der zehnfachen Wiedervergeltung kann man die Plage nicht in nützlicher Frist heilen.“
Die Guerillabekämpfung in Äthiopien wurde mittels drakonischer Strafaktionen, willkürlicher Repressalien, Giftgas-Bombardements und Massakern geführt – kollektive Bestrafung und willkürliche Ermordungen unschuldiger Menschen gehörten zur Tagesordnung. Die Zugehörigkeit zu einer „verdächtigen“ Gesellschaftsgruppe oder einem „verdächtigen“ Dorf konnte den Tod bedeuten. Wer nicht gleich nach der Gefangennahme exekutiert wurde, hatte eine „Überlebenschance“ in den beiden Konzentrationslagern in Eritrea (Nocra) und Somalia (Danane), wo Gefangene bei 50 Grad Celsius als ZwangsarbeiterInnen in Steinbrüchen oder auf den Bohrfeldern der Ölfirma AGIP arbeiten. Zwischen 1935 und 1941 starben 3’300 der insgesamt 10‘000 internierten Männer, Frauen und Kinder an den Folgen der extremen Klimabedingungen und den schlechten Haftbedingungen.
Apartheid-System
Ähnlich wie später die Buren in Südafrika installierte das faschistische Italien 1936 in Italienisch-Ostafrika ein System, das den 300‘000 italo-faschistischen Besatzern mittels Gesetzen die kulturelle, sozioökonomische und politische Vorherrschaft gegenüber den 12 Mio schwarzen „Untertanen“ sicherte und die schwarze Mehrheit von der Gesellschaft ausschloss. Schon in Italienisch-Eritrea waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts erste Ansätze von Rassentrennung zu finden, 1936 wurde die Debatte um die „Rassenfrage“ bzw. um „Rasseansehen“ und „rassenwürdiges Verhalten“ vom faschistischen Regime intensiviert. Die FaschistInnen machten „Rassenvermischung“ für den Untergang vieler früherer Weltreiche verantwortlich und beschlossen deshalb, die „italienische Rasse“ mit Hilfe von zahlreichen Gesetzen und Dekreten zu schützen. Soldaten durften nicht mehr mit Einheimischen Karten spielen, Kellner sie nicht mehr bedienen und Kraftfahrer sie nicht mehr transportieren. Bordelle mit „Frauen weisser Rasse“ wurden in Betrieb genommen, um die gleichrassigen Herren aus Italien bis zum Familiennachzug aus Italien nicht in (schwarze) Versuchung zu führen. Getrennte Wohnquartiere führten zu Zwangsumsiedlungen von Tausenden von schwarzen StadtbewohnerInnen. Rassengetrennte Schulen, Spitäler, Restaurants, Bars, Läden, Kinos, Friedhöfe und Bordelle folgten. Für die Erhaltung des italienischen „Rasseansehens“ wurden rassegetrennte Amtsschalter eingeführt, ab 1940 fanden auch Kirchenmessen rassegetrennt statt. Auch die Höhe der Löhne war rasseabhängig, zudem gab es für ÄthiopierInnen nur die anstrengendste und schmutzigste Arbeit. Schwarze Kinder durften nur drei Jahre in die Schule, weiterführende Schulen gab es für sie nicht.
Das 1937 erlassene koloniale Rassengesetz verbot bei Androhung von bis zu fünf Jahren Gefängnis Konkubinate zwischen italienischen Staatsbürgern und schwarzen Frauen zwecks Schutzes des Zustandes „der physischen und moralistischen Überlegenheit“, die jede „Eroberer- und Herrscherrasse“ besitzen müsse. 1938 wurden in verstärkter italienischer Anlehnung an NS-Deutschland Eheschliessungen zwischen italienischen Staatsbürgern „arischer Rasse“ und „Nicht-Ariern“ verboten. 1939 kam das Gesetz „Strafmassnahmen zum Schutz des Rasseansehens gegenüber den Eingeborenen in Italienisch-Ostafrika“, in dem Mussolini von einer „Rassenhierarchie“ und der „biologischen Überlegenheit der Weissen“ ausgeht. Zwischen 1935-1941 starben bis zu 380‘000 ÄthiopierInnen.
Der Zusammenbruch
1941 verlor Italien Äthiopien an Grossbritannien, das sich aus eigenen imperialistischen Motiven den Plänen Mussolinis in Ostafrika entgegenstellte. Vor allem das italienische Bestreben einen Stützpunkt am Indischen Ozean zu haben, störte die britischen Interessen in der Region. Der äthiopische Kaiser Haile Selassie übernahm nach fünf Jahren Exil wieder die Macht. Der erste souveräne Staat, der 1936 Opfer der faschistischen Aggression wurde, war somit auch das erste faschistisch besetzte Land, das befreit wurde.
Keine Aufarbeitung in Italien
Nach Kriegsende 1945 fanden in verschiedenen Staaten (Deutschland, Japan) Kriegsverbrecherprozesse statt. Nicht so in Italien. Weder die internationale Gemeinschaft noch die italienische Politlandschaft (von links bis rechts) zeigten Interesse an den äthiopischen Forderungen nach Ahndung der italo-faschistischen Kriegsverbrechen wie Massenmord, systematischer Einsatz von Giftgas, gezielte Bombardements von Spitälern, systematischer Terrorismus, Deportation und Internierung von ZivilistInnen, Plünderung, mutwillige Zerstörung, Massaker und Massenexekutionen.
Für viele ItalienerInnen blieb das „afrikanische Abenteuer“ als Krieg mit „wenigen Toten und vielen Orden“ im kollektiven Gedächtnis. Kriegsveteranen und Ex-Kolonialisten hatten eine verklärte Sicht auf die „zivilisatorische Leistung“ Italiens in Afrika, die militärische Niederlage und der Zusammenbruch des „Imperio“ wurden bedauert. Erst 1965 sorgte eine Zeitungsartikelserie, in der Quellenmaterial und Augenzeugenberichte von Veteranen des äthiopischen Widerstandes ausgewertet wurden, für eine erste wissenschaftliche Rekonstruktion der Ereignisse. Die Reaktionen in Italien waren heftig: Altfaschisten bezeichneten den Autor als „miserablen Kerl“, Bürgerliche empfanden die Artikel als Angriff auf die Streitkräfte und als Schändung des Andenkens der gefallenen italienischen Soldaten. Der Einsatz von Giftgas wurde vehement geleugnet. Autoren, die sich weiter mit dem Thema beschäftigten, wurden als „Vaterlandsverräter“ und üble Verleumder beschimpft. Kritische Filme hatten einen harten Stand und konnten fast nur im privaten Rahmen gezeigt werden. Erst 1995 bestätigten sowohl Kriegsveteranen als auch die Regierung nach einer landesweiten Debatte den Einsatz von Giftgas in Ostafrika. Italien entschuldigte sich offiziell bei Libyen und Äthiopien und gab geraubte Kunstschätze zurück.
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Bildnachweis:
Italienische Artillerie in Afrika
(http://www.ilduce.net/foto/Galleria guerra/Artiglieria italiana in Africa.jpg)
Karte 1&2, Afrika um 1930 & heute (Schweizer Weltatlas, EDK, Neuausgabe 2004.)
Quellen:
Mattioli, Aram: Experimentierfeld der Gewalt, Der Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung 1935-1941, Zürich 2005.
Mattioli, Aram: Libyen, verheissenes Land, in: Die Zeit Nr. 21, 15.5.2003, zeus.zeit.de/text/2003/21/A-Libyen (Stand 3.6.2006).